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Bei der Herangehensweise an die dynamische Kläranlagensimulation hat man sich naturgemäß nach der zu lösenden Aufgabe zu richten. Vom Grundsatz her können mit Hilfe von STOAT sowohl neue Anlagen bemessen als auch vorhandene Anlagen optimiert werden.
Planung neuer oder Optimierung vorhandener Anlagen?
Im Schrifttum wird hin und wieder über den Einsatz der dynamischen Kläranlagensimulation bei der Planung neuer Anlagen berichtet
HOEN et al., 1994 / HARTWIG, 1997 / ANONYMUS, 2002.
Für die Berechnung des Designs von Anlagen “auf der grünen Wiese” stehen i.d.R. aber nur relativ wenige
Eingangsdaten zur Verfügung. Üblicherweise handelt es sich dabei um sachkundige Schätz- oder Mittelwerte, wobei oft auch das
Parameterspektrum stark eingeschränkt ist. Zeitreihen über Menge und Beschaffenheit der Abwasserströme über drei Monate, die als
erforderliche Eingangsdaten für die dynamische
Kläranlagensimulation unverzichtbar sind, stehen bei der Anlagenplanung kaum zur Verfügung. Mit derartigen Inputwerten
kann aber keine Simulation, die den Namen “dynamisch” verdient, durchgeführt werden. Im übrigen sind bei
unzureichender Ausgangsdatenlage Lösungen zu bevorzugen, die deutlich weniger Aufwand erfordern
(z.B. die Bemessung nach DWA-Arbeitsblatt A 131
oder die Softwarelösung Plan-It STOAT).
Haupteinsatzgebiet der dynamischen Kläranlagensimulation mit STOAT ist deshalb die Optimierung bestehender Anlagen.
Die folgenden Erläuterungen gelten diesem Einsatzgebiet.
Arbeitsschritte
Rein formal betrachtet, läßt sich die Arbeit in folgende Schritte gliedern:
- Sammlung, Sichtung und erste Aufarbeitung der Eingangsinformationen
(ca. 10%)
- Entwurf des Modells, d.h. Abbildung des Anlagendesigns mittels grafischer Anlagenrepräsentanten und deren Verknüpfung
(ca. 10%)
- Vorbereitung und Durchführung der Rechnerläufe, Kalibrierung des Modells
(ca. 60%)
- Szenarioanalyse mit dem kalibrierten Modell
(ca. 20%)
Bei den in Klammern gesetzten Prozentangaben handelt es sich um die Anteile der oben genannten Schritte am zeitlichen
Gesamtaufwand einer dynamischen Simulation nach den Erfahrungen der EnviaTec GmbH.
Am Anfang steht die Sammlung, Sichtung und erste Aufarbeitung der Eingangsinformationen. Die Gewinnung und Verarbeitung
von Informationen über den Betrieb des zu simulierenden Klärwerks ist aber keine einmalige Aktion zu Beginn der Arbeiten,
sondern begleitet auch alle weiteren Schritte. Im Zuge der Arbeiten tauchen i.d.R. immer Fragen auf, die anfangs einfach
noch nicht absehbar waren.
Auf der Grundlage der verfügbaren Informationen wird ein Modell der Anlage mit allen relevanten Behandlungsstufen,
deren Verschaltung und Bemessung (z.B. Reaktorgeometrie) erstellt. Dabei steht – wie bereits erwähnt – immer
auch die Abgrenzung des Modells im Fokus. Das in diesem Arbeitsschritt erstellte Modell wird dennoch nur in den seltensten
Fällen mit dem endgültigen Design des Modells übereinstimmen: Unzulänglichkeiten oder Fehler des Modells werden meist erst
nach den Rechnerläufen sichtbar und können deshalb erst im Zuge der Kalibrierung beseitigt werden.
Als nächster Schritt werden mit diesem Modell Rechnerläufe
durchgeführt, die den Betrieb der Anlage im Simulationszeitraum nachvollziehen. Dieser Schritt ist üblicherweise mit dem
größten Arbeitsaufwand verbunden, weil zuvor aus den Messwerten der Abwassereigenkontrolle und den Aufzeichnungen der
Prozessleitsysteme/SPS bzw. Online-Messgeräte die Input Dateien für das Modell zu generieren sowie die erforderlichen
Einstellungen zur Abbildung der Fahrweise der Anlage zu bestimmen sind (z.B. Leistung der Belüftungsaggregate,
Rücklaufschlammmenge und Überschussschlammentnahme). Bei den Input Dateien ist der erforderlichen Aufteilung des CSB und des
Gesamtstickstoffs im Abwasserzulauf auf die verschiedenen Fraktionen entsprechend den Anforderungen der jeweils gewählten
Modelle besonderes Augenmerk zu widmen.
Der nächste Schritt besteht darin, das Modell an Hand der Messwerte aus dem Betrieb
der Anlage zu kalibrieren (Gegenüberstellung der Simulationsergebnisse der Rechnerläufe mit STOAT und der Messwerte aus der
Abwassereigenkontrolle). Bestimmte Voreinstellungen, wie zum Beispiel Wachstumsraten der heterotrophen und autotrophen
Organismen werden dabei dahingehend angepasst, dass die Simulationsergebnisse mit den real gemessenen Abbauleistungen der
Anlage hinreichend genau übereinstimmen. Auch hierfür ist ein nicht unerheblicher Zeitaufwand erforderlich.
Der letzte Schritt besteht darin, Rechnerläufe mit dem kalibrierten Modell zu fahren, wobei die
Einstellungen der Inputdateien und/oder der Betriebsweise des Modells entsprechend den jeweils zu untersuchenden Szenarien
angepasst (d.h. “manipuliert”) werden (z.B. Einstellung eines “worst case”).
Kalibrierung und erforderliche Arbeiten im “Hintergrund”
Bis ein gut kalibriertes Modell einer Kläranlage vorliegt, ist ständig zu “feilen” an
- Modelldesign
- Inputdateien für die “Zuflüsse” zum Modell
- Inputdateien zur Abbildung des Anlagenbetriebs (z.B. Zeitreihen der Rücklaufschlammförderung und Überschussschlammentnahme)
- Einstellungen zur Kalibrierung der Modellbausteine
Neben der Fraktionierung von CSB, N- und Phosphorverbindungen ist die Modellkalibrierung jener Teil der
Arbeiten bei der dynamischen Kläranlagensimulation, wo besonders viele Fehlerquellen “lauern”. Dies ergibt sich
allein schon durch die schier unendlich vielen Einstellmöglichkeiten der Modelle. Mit 46 Wachstumsraten bzw. Koeffizienten bietet das «Activated Sludge Model #3, Sewage calibration data»
besonders viele “Stellschrauben”. Das ist aber in der Praxis eher Fluch als Segen. Deshalb dazu noch einige spezielle Hinweise.
Als “eherne Regel” bei der Kalibrierung gilt:
Verändern Sie Wachstumsraten und/oder Koeffizienten der «Activated Sludge Modelle» erst, wenn Sie sicher sind, dass Abweichungen zwischen Modellvorhersage und Messwerten nicht auf fehlerhafte oder unvollständige Inputs zurückzuführen sind. Belassen Sie die Einstellungen im Zweifelsfalle bei den Standardwerten!
Letzteres gilt insbesondere, solange Sie nicht hinreichend genau über die Auswirkungen einer Veränderung
Bescheid wissen. Mit der Methode “Versuch und Irrtum” ist nichts zu gewinnen, sondern nur Zeit zu verlieren.
Hinsichtlich der parameterbezogenen Rang- und Reihenfolge der Arbeiten bei der Kalibrierung wird folgendes empfohlen:
- Kalibrierung der Abwasservolumenströme («Flow»)
- Kalibrierung der abfiltrierbaren Stoffe («Suspended solids»)
- Kalibrierung der CSB-Fraktionen («COD, BOD»)
- Kalibrierung der Stickstofffraktionen («Ammonia, Nitrates»)
- Kalibrierung der Phosphorfraktionen («Phosphates etc.»)
Auch wenn es vielleicht abschreckt: Erst nachdem das Modell hinsichtlich der Abwasservolumenströme vernünftig kalibriert
ist, kann mit der Kalibrierung der Feststoffe begonnen werden. Mit der Kalibrierung des CSB lohnt es erst dann zu beginnen,
wenn die Simulationsergebnisse sowohl beim Abwasservolumenstrom als auch bei den Feststoffen hinreichend gut mit den
Messwerten übereinstimmen usw. – ansonsten besteht die Gefahr, dass mehrmals ganz von vorn angefangen werden muß!
Zur Kontrolle, ob das Modell hinreichend korrekt simuliert, sind zu den oben genannten Parametern Bilanzen auf der
Grundlage von Mittelwerten hilfreich. STOAT erlaubt für sämtliche Teilströme die Ausgabe von Stofffrachten, die unmittelbar
zum Vergleich herangezogen werden können (siehe Abb. 1).
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Abb. 1 Beispiel zu den statistischen Angaben für einen Teilstrom |
Fortgeschrittene Anwender werden sich die komplette Massenbilanz
(«Mass balance») des jeweiligen Rechnerlaufs ausgeben lassen und mit den Aufzeichnungen aus dem Betrieb vergleichen.
Abb. 2 Abrufen der «Mass balance» eines Rechnerlaufs |
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Abb. 3 Beispiel der «Mass balance» eines Rechnerlaufs unter STOAT (Auszug) |
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