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In einem Unternehmen der chemischen Industrie erforderte die Marktsituation eine deutliche Kapazitätssteigerung. Im Zusammenhang damit war mit einem nach Menge und Beschaffenheit veränderten Abwasseranfall zu rechnen. Mit Hilfe einer dynamischen Simulation mit dem Programmpaket STOAT war zu untersuchen, wie die dahinter liegende Kläranlage auf die neuen Lastfälle reagiert und ob Erweiterungsinvestitionen erforderlich werden.
Den Berechnungen wurden folgende Szenarien zugrunde gelegt:
| Szenario |
Abwassermenge in m³/h |
CSB-Fracht |
Stickstofffracht |
| Istzustand |
entsprechend der vorliegenden Messwerte in einem Zeitraum mit weitestgehend ungestörtem Anlagenbetrieb |
| A |
35 |
entsprechend der Messwerte im Istzustand |
| B |
35 |
Messwerte Istzustand, multipliziert mit Faktor 1,15 |
NH4-N: entsprechend der Messwerte im Istzustand NOx-N: Messwerte Istzustand, multipliziert mit Faktor 1,15 |
| C |
40 |
analog Szenario B |
Die zu simulierende Anlage wurde als klassische Belebungsanlage mit vorgeschalteter Denitrifikation errichtet. Das Herz der Anlage bildeten das Denitrifikationsbecken (B 2), das Belebungsbecken (B 3) und das Nachklärbecken (B 4). Im Zulauf zum Denitrifikationsbecken besteht die Möglichkeit, eine C-Quelle zu dosieren (hier Essigsäure). Durch einen in der Produktionsanlage installierten Abwasserstripper tritt jedoch kaum noch Stickstoff im Zulauf zur Kläranlage auf. Damit erübrigte sich auch die interne Rezirkulation nitratreichen Mediums. Der B 2 war deshalb zum Zeitpunkt der Untersuchungen ohne besondere Funktion.
Der Ausgleichs- und Stapelbehälter (B 1) dient dazu, den von der produzierenden Anlage ankommenden Abwasserstrom nach Menge und Konzentration zu puffern. Das Volumen des B 1 ist mit 650 m³ groß genug, um kürzere Stillstandszeiten der chemischen Anlage zu überbrücken, ohne dass der Betrieb der Kläranlage beeinträchtigt wird.
Die Nachbildung des Anlagenbetriebs erfolgte mit Daten des zweiten Halbjahres 2003. Mit Ausnahme eines kurzen Shutdown der Chemieanlage Ende Oktober war in diesem Zeitraum ein weitestgehend ungestörter Anlagenbetrieb zu verzeichnen. Die ausgleichende Wirkung des Stapelbehälters in dieser Phase geht aus der folgenden Abbildung (Betriebsdaten) sehr gut hervor.
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Abb. 1:
Zulauf und Ablauf des Stapeltanks im II. Halbjahr 2003 |
Die Simulation des Verhaltens des Stapelbehälters erfolgte unter Verwendung eines PID-Controllers (siehe folgende Abbildung).
Abb. 2:
STOAT-Modell des Klärwerks
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 PLC: Programmable Logic Controller (≈ Speicherprogrammierbare Steuerung) |
Mit Hilfe der STOAT Simulation können sowohl die Ablaufwerte als auch die Systemzustände über die Zeit in den verschiedenen Prozessstufen sehr eingehend untersucht werden. Abb. 3 ist ein Beispiel für die Wiedergabe maßgeblicher Ablaufwerte End-Of-The-Pipe, hier die Abbildung des Istzustands im II. Halbjahr 2003.
Auf der Abszisse der Grafik ist die abgelaufene Simulationszeit in Stunden aufgetragen, auf der Ordinate können die zugehörigen Werte des Abwasservolumenstroms und der Beschaffenheitskurven abgelesen werden. Unterhalb der Grafik befindet sich eine zusammenfassende Statistik. Wie sich an dieser Abbildung zeigt, sind die vor allem in der ersten Hälfte des Simulationszeitraums zu verzeichnenden hohen Ablaufwerte im CSB auf vergleichsweise hohe Werte des gelösten, biologisch abbaubaren CSB zurückzuführen. Dies deutet darauf hin, dass die Anlage in dieser Phase nicht das Optimum erreichte.
Die Kurven für Ammonium und Nitrat liegen nur ganz knapp oberhalb des Nullpunkts und sind daher in der Grafik kaum zu erfassen. Die äußerst geringe Stickstoffkonzentration ist auf die bereits erwähnte prozessnahe Abwasservorbehandlung zurückzuführen. Dennoch weisen die Werte in der Statistik unterhalb der Grafik darauf hin, dass Probleme in der Nitrifikation des Ammoniumstickstoffs zu verzeichnen sind.
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Abb. 3:
Simulationsergebnisse End-Of-The-Pipe, Normalbetrieb 2. Hj. 2003 |
Die CSB-Kurven für den ungünstigsten Lastfall, Szenario C ähneln qualitativ dieser Darstellung, liegen jedoch im Mittel um ca. 30 mg/l höher und die Peaks fallen deutlich größer und spitzer aus.
Bei der STOAT-Simulation der neuen Lastfälle waren für den Auftraggeber die Ablaufwerte im Parameter Ammonium von besonderem Interesse, weil hier mit 2 mg/l ein besonders enger Überwachungswert gesetzt ist. Um die Stickstoffkompartimente im Ablauf bei «worst case» näher betrachten zu können, werden alle anderen Parameter ausgeblendet (siehe Abb. 4).
Abb. 4:
NH4-N- und NOx-N-Ablaufwerte bei Szenario C |
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Die türkisfarbene Kurve in Abb. 4 oben zeigt den Verlauf der Ammoniumkonzentration. Der Überwachungswert von 2 mg/l wird mehrfach über längere Perioden überschritten, obwohl der Mittelwert noch darunter liegt. Die scheinbar sinnlosen negativen Werte rühren daher, dass der Simulation des Belebungsverfahrens das Activated Sludge Model Nr. 1 zugrunde gelegt wurde. In diesem Modell wird Mangel an den Nährstoffen Stickstoff und Phosphor nicht berücksichtigt. Selbst wenn im Zulauf zur biologischen Stufe nicht genügend bioverfügbarer Stickstoff vorhanden ist, wird ein davon unbeeinflusstes Wachstum der heterotrophen und autotrophen Organismen simuliert. Der für den Aufbau der Biomasse verbrauchte TKN schlägt sich dann konsequenterweise in negativen Konzentrationen im Ablauf nieder. Mit anderen Worten, die negativen Ammoniumwerte zeigen eine Störung des C-N-P-Verhältnisses zu Lasten des bioverfügbaren Stickstoffs an. Die End-Of-The-Pipe gleichbleibend vernachlässigbar geringen Nitratkonzentrationen in Kombination mit hohen Ammoniumwerten sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Nitrifikation ausbleibt.
Warum das so ist, lässt sich aus einer näheren Betrachtung der Prozesse in B 2 und B 3 erschließen. Hierzu wurden 3-D-Darstellungen der Konzentrationen der autotrophen und heterotrophen Organismen sowie des Ammoniums und der Temperatur über die Zeit generiert (Abb. 5 bis Abb. 8). In diesen Abbildungen verläuft der Fließweg des Abwassers von unten Mitte nach hinten rechts. «Stage 1» repräsentiert die vorgeschaltete Denitrifikation, «Stage 2» die Belebungsstufe (Nitrifikation). Die abgelaufene Zeit ist unten Mitte beginnend nach hinten links aufgetragen. Auf der senkrechten Achse können wieder die zugehörigen Werte abgelesen werden.
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Abb. 5:
Simulationsergebnisse B 2 und B 3, Szenario C (worst case), Autotrophe |
Aus Abb. 5 geht hervor, dass die Konzentration der autotrophen Organismen in beiden Becken fast über die gesamte Simulationsperiode bei Null bleibt. Die Gründe für die Abwesenheit der Autotrophen lassen sich wiederum anhand der Abbildungen für Ammonium (Abb. 6) und die Temperatur (Abb. 7) nachvollziehen. Wie aus Abb. 6 zu erkennen ist, treten immer wieder Mangelsituationen beim Ammonium auf. Infolge dessen sterben die Autotrophen ab. Wenn wieder ausreichend NH4-N im Zulauf vorhanden ist, können sie jedoch wegen ihrer geringen Wachstumsgeschwindigkeit nicht schnell genug nachwachsen. Der häufige Wechsel zwischen Ammoniummangel und Ammoniumdargebot, gepaart mit einem ungünstigen Temperaturprofil, insbesondere in der ersten Hälfte des Simulationsperiode, führt zu den in Abb. 5 dargestellten ungünstigen Verhältnissen.
Abb. 6:
Simulationsergebnisse B 2 und B 3, Szenario C (worst case), Ammonium |
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Die hohe Temperatur im B 2 und B 3 in der ersten Hälfte der Simulationszeit (Monate Juli, August und September) beeinträchtigt offenbar auch das Wachstum der Heterotrophen. Dies geht aus der Gegenüberstellung von Abb. 7 und Abb. 8 hervor. Damit wird auch klar, warum in diesem Zeitabschnitt so hohe Konzentrationen an gelöstem, biologisch abbaubarem CSB im Ablauf der Kläranlage errechnet wurden (siehe Abb. 3).
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Abb. 7:
Simulationsergebnisse B 2 und B 3, Szenario C (worst case), Temperatur |
Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der STOAT-Simulation mit den Lastfällen nach Erhöhung der Anlagenkapazität wurden dem Betreiber der produzierenden Anlage vorgestellt. Daraufhin wurde als erster Vorschlag unterbreitet, den Ablauf des Prozessabwassers über einen Wärmetauscher zu führen, um die Temperatur konstant unter 35 Grad Celsius zu halten.
Abb. 8:
Simulationsergebnisse B 2 und B 3, Szenario C (worst case), Heterotrophe |
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Die teilweise zu niedrige Ammoniumkonzentration im Zulauf zur Kläranlage wird erst durch die Ammoniakstrippung erreicht. Demzufolge war es möglich, das Defizit an TKN durch Auskreisen eines Teilstroms vor dem Stripper und direkte Zuführung zum B 1 auszugleichen. Auch dies ließ sich nach Auskunft der Betreiber der Syntheseanlage vergleichsweise einfach bewerkstelligen und wurde daher als zweite Optimierungsmaßnahme akzeptiert.
Die Auswirkungen dieser geplanten Veränderungen wurden in einem zusätzlichen Rechnerlauf überprüft. Dazu wurden die Inputfiles wie folgt verändert: Die Temperatur wurde konstant auf 35 Grad Celsius eingestellt und die Konzentration an NH4-N angehoben, indem eine zusätzliche Fracht entsprechend des optimalen BSB-TKN-Verhältnisses von 100 : 5 zugrunde gelegt wurde. Die ursprüngliche Konzentration an NH4-N im Zulauf zur Kläranlage lag im Mittel bei 5,2 mg/l. Diese wurde rechnerisch um 67,5 mg/l auf 72,7 mg/l, d.h. auf etwa das 13-fache erhöht (alle Angaben Mittelwerte).
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Abb. 9:
Simulationsergebnisse End-Of-The-Pipe, Szenario C, optimiert Abwasservolumenstrom, CSB, Stickstoff |
Was die o. g. Optimierungen im Ablauf der Kläranlage bewirken, ist aus Abb. 9 zu erkennen: Die Ablaufwerte haben sich im Vergleich zum ursprünglichen Szenario C deutlich verbessert. Beim CSB fällt ins Auge, dass der große Peak in der ersten Hälfte des Simulationszeitraums verschwunden ist. Der Mittelwert der Konzentration an gelöstem, biologisch abbaubarem CSB konnte von 80,4 auf 47,1 mg/l, der Maximalwert von 189,4 auf 58,0 mg/l abgesenkt werden. Analoges gilt für den CSB gesamt.
Abb. 10:
Simulationsergebnisse End-Of-The-Pipe, Szenario C, optimiert, Fokus auf Stickstoffparameter |
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Wichtigstes Ergebnis ist jedoch, dass die erwartete Verbesserung bei Ammonium eintritt. Nach kurzem Einschwingen am Anfang zeigt die Kurve einen ausgeglichenen Verlauf in einem Konzentrationsbereich, der einen komfortablen Sicherheitsabstand zum Überwachungswert einhält. Auch die gleichmäßig hohen Nitratwerte nach der kurzen Einschwingphase zeigen, dass nunmehr eine robuste Nitrifikation stattfindet (siehe Abb. 10). Der Unterschied im Vergleich zu Abb. 4 ist nicht zu übersehen.
Ein Blick auf die Population der autotrophen und heterotrophen Mikroorganismen im B 2 und B 3 zeigt die eingetretenen Verbesserungen gleichsam von innen:
Die Population der Autotrophen bleibt über die gesamte Simulationszeit stabil, wobei die Konzentration der Autotrophen auf dem Fließweg des Abwassers zunimmt (siehe Abb. 11). Dies erlaubt die gute Nitrifikation. Dementsprechend wird die im B 2 ankommende Ammoniumzulaufkonzentration nach kurzer Einschwingphase stabil auf Werte deutlich unter 2 mg/l im Ablauf des B 3 abgebaut.
Dass die Konzentration an Ammonium im Zulauf zum B 2 nur etwa die Hälfte der mit dem Inputfile übergebenen Konzentration beträgt, geht übrigens auf die “Verdünnung” mit dem fast ammoniumfreien Rücklaufschlamm (30 m³/h) zurück.
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Abb. 11:
Simulationsergebnisse B 2/B 3, Szenario C, optimiert (Einsatz Wärmetauscher und angehobene NH4-N-Konzentration), Autotrophe |
Abb. 12:
Simulationsergebnisse B 2/B 3, Szenario C, optimiert (Einsatz Wärmetauscher und angehobene NH4-N-Konzentration), Heterotrophe |
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Im Vergleich zur Situation in Szenario C ohne Einsatz des Wärmetauschers (Abb. 8) ist die Konzentration der Heterotrophen vor allem in der ersten Hälfte der Simulationszeit höher (Abb. 12). Ausfluss dessen sind ein deutlich besserer Abbau des Substrats und dementsprechend niedrigere CSB-Werte im Ablauf der Anlage.
Diese Verbesserungen im Abbau spiegeln sich auch in der Summe der Ablauffrachten über die gesamte Simulationsperiode wider (vgl. folgende Tabelle).
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Ablauffracht über den gesamten Simulationszeitraum in kg |
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CSB gesamt |
CSB biologisch abbaubar, gelöst |
NH4-N |
NOx-N |
| Scenario C |
40 481 |
14 043 |
318.7 |
16.2 |
| Scenario C, optimiert |
34 659 |
8 215 |
243.3 |
4 080.9 |
| Differenz |
5 821 |
5 828 |
75.4 |
- 4 064.7 |
Wie bereits erwähnt, wurden die Ergebnisse dieser Simulation mit dem Anlagenbetreiber besprochen. Die vorgeschlagenen Veränderungen wurden innerhalb weniger Wochen umgesetzt. Die Anlage läuft seitdem ohne Beanstandungen.
Wie sich auch an diesem Beispiel zeigt, ermöglicht die dynamische Simulation einen wesentlich besseren Zugang zum Verständnis der hochkomplexen Prozesse in biologischen Kläranlagen. Auf dieser Grundlage können Anlagen und Prozesse optimiert und Investitions- und Betriebskosten eingespart werden.
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